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Hauskatze oder Freigänger –
eine Geschichte aus Sicht einer Katze

Die Sonne schien wärmend auf die Fensterbank, auf welcher der wunderschöne graue Tiger Sandór lag und sich ausgiebig putzte und es sichtlich genoss. Hatte er es doch wirklich gut: einen Napf stets gut gefüllt mit abwechslungsreichen Leckereien, verschiedene bequem eingerichtete Schlafplätze, immer ein sauberes Örtchen und dazu eine liebevolle ältere Dame, welche sich immer für Streicheleinheiten erweichen liess. Er musste sich um nichts sorgen, musste sich oder sein Revier nie verteidigen, noch würde er nass oder dreckig werden und Gefahren kannte er bei seinem pflichtbewussten Frauchen auch keine. „So lässt es sich leben“ dachte Sandór, der dabei laut schnurrte.

Während er so dalag mit halb geöffneten Augen und aufmerksam lauschend, damit er nichts in seiner Umgebung verpasst, hört er plötzlich ein Geräusch, welches ihm doch allzugut bekannt vorkam! Aus der Katzenklappe vom Nachbarhaus kam der etwas struppige aber stolze schwarzer Kater Miró. Sein rechtes Ohr musste bei einem Kampf wohl recht stark verletzt worden sein, denn man sah von weitem, dass ein nicht gerade kleines Stück davon fehlte. Aber das wunderte den Herrn von Miró bestimmt nicht, ist der Kater doch im ganzen Quartier bekannt für seine Angriffslust gegenüber anderen Katzen und seinen ausgeklügelten Jagdkünsten. Oft brachte er mehrmals am Tag stolz eine Beute nach Hause und wiederum sah man ihn tagelang nicht, weil er sich auf irgendwelchen Streifzügen befand. „Das muss ein anstrengendes Leben sein“ dachte sich Sandór und schaute gespannt auf Miró herab. Dieser schien aber ganz zufrieden nach einer Mahlzeit sein Gesicht zu putzen bevor er sich auf neue Abenteuerjagden begab.

Sandór wurde nachdenklich und fragte sich, wie es wohl sein würde, ein eigenes Revier zu haben und dies verteidigen zu dürfen? Wie würde sich die warme Fensterbank anfühlen, wenn man nass und dreckig von draussen nach Hause käme um sich aufzuwärmen? Wie spannend und aufregend muss es wohl sein, anderen Katzen zu begegnen, diese zu beschnuppern, vielleicht mit ihnen zu spielen oder sich mit diesen zu streiten? Wüsste er, was er machen müsste um erfolgreich eine Maus zu jagen? Was müsste er denn mit der Maus anstellen, wenn sie mal gefangen ist??? Lauter Fragen, welche den grauen Tiger beschäftigten. „Ach was, das Leben draussen ist viel zu gefährlich! Denke nur an die Autos, die Kinder, die Hunde und vieles mehr“ pflegte sein Frauchen stets zu sagen, wenn er so gespannt aus dem Fenster schaute. Der Gedanke liess ihn aber nicht mehr los! Ist es nicht so, dass es in seiner Natur liegen würde, all die Risiken auf sich zu nehmen, Kratzer einzufangen und vielleicht mal in Schwierigkeiten zu stecken - dafür ein glücklicher ausgeglichener stolzer Kater mit eigenem Gebiet sein zu dürfen? Er würde es nie erfahren, dafür war sein Frauchen zu ängstlich und wünschte ihm lieber ein langes Leben in Geborgenheit auch wenn sich gar keine befahrene Strasse in der Nähe befand. Für Sandór war klar: „wenn ich selber entscheiden könnte, so würde ich etwas zwischen drin wählen! Die Möglichkeit selbständig entscheiden zu können, ob man nach draussen will oder nicht, das wäre schon toll. Die Kämpfe müssten hingegen nicht sein, aber die Jagd nach Mäusen wäre das erste, was ich mir gönnen würde. Im Winter würde ich jedoch lieber vom Fenster aus den Schneeflocken zusehen. Ja, für ein richtiges Katzenleben würde ich sogar das Risiko eingehen, den vielen Gefahren als Freigänger ausgesetzt zu sein.“

Wann immer es die Wohnsituation erlaubt, lassen wir doch unsere Samtpfoten selber entscheiden, ob ein beschütztes Leben auf der Fensterbank, als Freigänger in der abenteuerlichen Natur oder etwas mittendrinn sie richtig glücklich macht.

(Quelle: Désirée Kahl, Tierpsychologin ATN)
 

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